WELT IM BLICK
Japan
Ein Beitrag von Ronny Stagen, Senior-Analyst bei Azemos in Deutschland.
Japan gilt als das Land der aufgehenden Sonne. Das hat mit der Lage direkt hinter der Datumsgrenze zu tun und kommt in dem mittig angeordneten roten Kreis auf weißem Grund in der Staatsflagge zum Ausdruck.Reizvoll und schwierig zugleich – so lässt sich die Kultur und Lebensweise der Japaner auf den ersten Blick von außen beschreiben. Die Sprache gilt als eine der schwersten der Welt. So werden zum Zeitungsstudium Kenntnisse von ungefähr 2.000 Schriftzeichen benötigt. Neben der Sprache erschwert die Natur das Leben. Das Klima in dem zu rund 80 % mit Bergen bedeckten Land ist abhängig von der Lage zwar sehr heterogen, aber die hohe Luftfeuchtigkeit macht oft das Atmen schwer. Hinzu kommen Katastrophen wie Erdbeben und Tsunamis. Neben der aus dem Inseldasein resultierenden Isolierung mögen das die Gründe sein, warum in dem rund 124 Mio. Einwohner zählenden Land nur etwa 2,1 Mio. Ausländer leben. Weil viele davon Asiaten sind, gelten Europäer noch immer als Exoten.
In der Andersartigkeit liegt der Reiz
Wie komplex wiederum der Verhaltenskodex ist, zeigt sich schon an den Begrüßungs-ritualen. Anders als bei uns werden nicht die Hände geschüttelt, sondern man verbeugt sich voreinander. Zu den Regeln zählt es, dass sich Jüngere vor den Älteren verbeugen, Frauen vor Männern, Schuldner vor Gläubigern oder Verkäufer vor Käufern.Gewöhnungsbedürftig dürfte für Gleichheitsverfechter die Vorgabe sein, dass sich Rangniedrigere vor dem Ranghöheren verbeugen müssen. Sich mit dem ausgeprägten Gruppendenken der Japaner zurechtzufinden, dürfte ebenfalls nicht jedermanns Sache sein. Individualisten werden speziell in Tokio auch Probleme mit der relativ hohen Bevölkerungsdichte haben. Diese liegt mit 350 Einwohnern pro Quadratkilometer in Japan schon ganz allgemein über der hohen Zahl von 235 in Deutschland.
Aber in der japanischen Hauptstadt, die als weltgrößte Stadtregion gilt, ist die Quote noch einmal um ein Vielfaches höher. Die noch immer vorherrschende Uniformität kommt ansonsten unter anderem in einheitlich schwarzen Anzügen im Geschäftsleben zum Ausdruck. Wer es gewohnt ist, seine Gefühle offen auszuleben, und eine direkte Ansprache pflegt, der muss ebenfalls umlernen. Offener Widerspruch im Gespräch ist verpönt, weil es primär um das Bewahren der Harmonie geht. Um diese zu erhalten, gibt es eine Trennung zwischen den wahren Gefühlen, der sogenannten „Honne“, und der öffentlich ausgedrückten Meinung, der „Tatemae“.Ein direktes Nein wird deshalb vermieden. Gleichzeitig bedeutet Ja nicht immer Ja, so wie wir es verstehen. Vielmehr signalisiert dieses Wort oft einfach nur ein aktives Zuhören. Die deutsche Außenhandelskammer in Japan, die deutsche Unternehmen vor Ort mit Dienstleistungen unterstützt, rät deshalb Geschäftsleuten zur Vorsicht bei der Beurteilung des Verlaufs von Verhandlungen.
Land der Kontraste
Vieles ist somit anders als daheim, was natürlich auch anziehend sein kann. Das gilt etwa für die Mischung aus Moderne und Tradition, die das aus fast 7.000 Inseln bestehende Land prägt.
Starke Kontraste gibt es übrigens auch auf volkswirtschaftlicher Ebene. So zählen die Japaner mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 34.000 USD zu den reichen Nationen – der Staat weist mit inzwischen rund 260 % gemessen am Bruttoinlandsprodukt aber die weltweit höchste Verschuldung auf. Und dabei müssen vom Einkommen in der Spitze bereits 56 % an den Fiskus abgeführt werden.
Neben diesem Schuldenberg ist die Vergreisung der Gesellschaft eine Bürde, die seit Langem das Wachstum hemmt und für deflationäre Tendenzen sorgt. Dieses Dilemma wird derzeit mit einer ultraexpansiven Geldpolitik bekämpft.