WELT IM BLICK
China
Vor großen Herausforderungen
Ein Beitrag von Johannes Schäfer, Mitglied der Geschäftsleitung und Vermögensverwalter
Xi Jinping ist auf dem 20. Parteikongress der Kommunistischen Partei Chinas im Oktober 2022 für weitere fünf Jahre als Generalsekretär der Partei bestätigt worden. Die Chancen für den Sohn eines ehemaligen stellvertretenden chinesischen Ministerpräsidenten stehen nun gut, dass er im März 2023 für eine dritte Amtszeit als Staatspräsident bestätigt wird. Xi ist der mächtigste Herrscher seit dem Diktator Mao Zedong – unter dem Xis Vater ironischerweise in Ungnade gefallen war – und wäre nach Mao der erste Staatspräsident Chinas überhaupt, der drei Amtszeiten hintereinander regiert.
Er hat seine Machtbasis innerhalb der Partei ausgebaut, indem er ihm loyale Vertreter in den Ständigen Ausschuss des Politbüros berufen hat. Zugleich stieß er eine weitere Verfassungsänderung an. Damit verfügt er über so gut wie uneingeschränkte Macht – voraussichtlich auf einige Jahre hinaus. Für die weitere Entwicklung der chinesischen Wirtschaft sowie der Rolle Chinas in der Welt ist dies von großer Bedeutung. Bis 2049 soll China laut Xi die Welt in „nationaler Stärke“ und „internationalem Einfluss“ anführen.
Damit ist eine weitere Verschärfung im Großmachtwettbewerb mit den USA zu befürchten. Aus Xis Ausführungen ist ablesbar, dass nun die Sicherheit Chinas im Vordergrund steht, und dies im Zweifel vor dem Wirtschaftswachstum. Xi sagte, China könne vor schwierigen Zeiten („gefährliche Stürme“) in der Welt stehen und wolle sich unabhängiger von anderen Ländern machen. Auch strebt der Staatspräsident eine Wiedervereinigung mit Taiwan an.
Die Kapitalmärkte reagierten ernüchtert auf die Nachrichten aus Peking. Der MSCI China-Index fiel am ersten Handelstag nach dem Ende des Parteitages um 8,2 Prozent und rutschte bis Anfang November auf den niedrigsten Stand seit dreizehn Jahren ab. Seit Sommer 2021 hat der Länderindex über die Hälfte an Wert verloren. Da die Unternehmen in China sich seit vielen Jahren gut entwickeln und ihre Gewinne kontinuierlich steigern, sind dementsprechend auch die Bewertungen der Aktien vielfach auf Mehrjahrestiefs gefallen, was sie für Value-Investoren mit langfristigem Anlagehorizont zu einer attraktiven Aktienkategorie werden lässt.
Immer mehr setzt sich im Ausland die Erkenntnis durch, dass die Reform- und Öffnungspolitik, die China noch vor zehn Jahren gekennzeichnet hatte, in den Hintergrund rückt und sich das Umfeld für privatwirtschaftliche Investitionen nicht verbessern dürfte. Im Ständigen Ausschuss des Politbüros sitzen nun ausschließlich langjährige Weggefährten und Gefolgsleute des 69-jährigen „überragenden Führers“. Nicht alle davon sind jedoch erfahrene Politiker. Für die wirtschaftliche Entwicklung in China werden Fehlentscheidungen wahrscheinlicher, da ein korrigierendes Element in der Regierung fehlen dürfte. Aus den neuen Leitlinien ist zudem erkennbar, dass sich wirtschaftliche Interessen dem Thema Sicherheit unterordnen müssen. Eine solche Lesart wird in China selbst aber von staatsnahen Medien als „Sinophobie“ eingestuft.
Trotz entgegengesetzter Spekulationen deutet zudem wenig darauf hin, dass die Belastungen aus der Null-Covid-Politik, die von Xi bekräftigt wurde, schnell enden.
In Summe ist damit das Umfeld für die chinesische Wirtschaft weiter schwierig. China fällt als globaler Wachstumstreiber damit vorerst aus. Zwar haben die Einkaufsmanager-Indizes (Caixin PMI) Anfang November etwas nach oben überrascht, signalisieren aber eine anhaltende Schwäche.
Xi hat auf dem Parteikongress sein Volk auf eine lange Durststrecke eingestellt. Das hat nicht nur mit dem von ihm vorgegebenen Leitbild des starken China zu tun, sondern auch mit vielen anderen Herausforderungen, vor denen China steht. Dazu gehören die demografische Entwicklung, die steigende Verschuldung und natürlich auch der Klimawandel. Die politische Abkehr Chinas vom progressiven Wachstumsmodell hin zur stärkeren Kontrolle, Fokussierung auf Sicherheit und der Machtfestigung Xis drückt auf die Marktstimmung. In den Kursen ist aber schon viel eingepreist. Als Investoren bleiben wir aufgrund der massiven Unterbewertungen zunächst weiter investiert, planen strategisch allerdings dann den Ausstieg aus dem chinesischen Aktienmarkt, wenn Eigentümerrechte weiter eingeschränkt werden sollten und die ideologieorientierte Parteipolitik die pragmatische, marktfreundliche Wirtschaftspolitik weiter ins Abseits stellen sollte.